«Gnau guggä»

Den Blick schärfen

Heinz Lerch, Projektleiter Natur und Landschaft

Jeder kennt sie, die Quellen. Jeder nutzt sie. Und jeder weiss, dass die Quelle der Ursprungsort ist. Nämlich die Bezugsquelle, die Informationsquelle, die Fehlerquelle, die Wärmequelle, die Nährstoffquelle, die Gefahrenquelle und die Bildquelle. Aber Hand aufs Herz: wissen wir wirklich alle von der Quelle, die noch wichtiger ist als die Kapitalquelle? Die, die sprudelt oder eine andere, welche sickert. Diejenige, die unser Trinkwasser spendet oder die, welche den Anfang eines Baches bildet. Gerne möchten wir über die «eigentliche» Quelle sprechen, den Blick schärfen, damit die Quelle mit all ihren Werten erkannt wird.

Im Naturpark Diemtigtal sind verschiedene (Wasser-)Quellen zu finden. Naturnahe und gefasste. Alle wichtig für die Menschen und ihre Bedürfnisse. Sowohl als Trinkwasser wie auch als schöner Ort, der besonders wertvoll für eine Handvoll Tiere und Pflanzen ist.

Von der Art des Quellaustritts her werden drei Typen unterschieden: Die Fliess- oder Sturzquelle, die Sicker- oder Sumpfquelle und die Tümpel- oder Weiherquelle. Als Beispiel die Weiherquelle in Schwenden, das Blauseeli. Ohne einen besonderen Zufluss zu erkennen, läuft das Wasser im Normalfall das ganze Jahr beim Überlauf über. Der Zufluss ist unterirdisch und speist das Seelein. Eine schöne Sturzquelle beobachtest du beim Schwarzbach auf dem Talwanderweg zwischen der Spitzen Fluh und Horboden. In diesem Gebiet wird das Wasser für Diemtigen gefasst. Der vielleicht häufigste Quelltyp im Diemtigtal ist die Sickerquelle. Überall wo der Boden am Hang plötzlich durchnässt ist, ohne dass ein Bach der Grund dafür ist, befindet sich eine Sickerquelle. Das Wasser hat keine klar sichtbare Herkunft. Es dringt einfach an einem oder mehreren Orten durch den Boden ans Tageslicht. Oft verraten im Frühjahr die goldgelben Sumpfdotterblumen solche Standorte.

Der Quelltyp ist aber nur das Eine. Was unmittelbar beim Austritt des Wassers abgeht, ist das Andere. Je nach Kalkgehalt des Wassers kann etwas ganz Besonderes passieren: der Kalk, welcher im Erdinnern vom Grundwasser gelöst und aufgenommen wird, fällt beim Quellaustritt durch verschiedene chemische und physikalische Prozesse wieder aus und lagert sich unterhalb des Quellaustrittes weiter ab. Es ensteht Kalktuff. Das feuchtkühle Mikroklima bei den Quellen begünstigt den Wuchs von Moos. Zusammen mit weiterem organischen Material und den Kalkablagerungen entstehen porige, skurrile Formen. Wenn zum Beispiel Laub in diese Kunstwerke eingepackt wird, erscheint der Abdruck im Kalk wie eine Versteinerung. Diese sogenannte kalkreiche Quellflur gehört in der Schweiz zu den seltenen Lebensräumen. Sie erscheint auf der Roten Liste der Lebensräume als vom Aussterben bedroht.

Ganz unbewusst sind die Quellen in der Schweiz dezimiert worden. Viele werden als Trinkwasser für Mensch und Tier in Brunnstuben gefasst, weitere werden beim Austritt in ein Rohr gefasst und unterirdisch in den nächsten Bach abgeleitet. So erhält der Boden für unsere Nahrungsmittelproduktion eine bessere Qualität. Andere Quellen werden durch Bauten zerstört oder beeinträchtigt. Alles nicht aus bösem Willen, sondern aus Nichtwissen und einfach, weil die Nässe gerade eben im Weg war oder sonst genutzt werden kann.

Das Bewusstsein über die Besonderheit der Quellen als Lebensraum, als Kraftort und als Zuhause von einigen spezialisierten und seltenen Tier- und Pflanzenarten ist erst in den letzten Jahren zu uns gekommen. So wollen wir versuchen, den verbliebenen Quellen einen besonderen Wert zu geben. Und diesen Wert den Menschen bewusst machen. Damit wir im Tal weiterhin das Leben sprudeln hören und die farbigen Moospolster bewundern können.